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Kater Antonio zieht bei mir ein!

Da ich mich entschlossen hatte, eine Katze zu mir zu nehmen, setzte ich mich diesbezüglich mit der Vorsitzenden der „Samtpfoten“ in Nördlingen in Verbindung. Wir kennen uns vom Vegan-Brunch in Nördlingen bei den Samtpfoten und in Aalen, ebenfalls beim Vegan-Brunch, den die Tierrechtsorganisation ARIWA jeden ersten Sonntag im Monat ausrichtet.
Auf der Internetseite der Samtpfoten hatte ich mir schon einen Kater zum Anschauen ausgesucht. Da bekam ich eine E-Mail von Elke Stehle, dass es einen Notfall gibt.
Frauchen war gerade gestorben und der Kater war alleine in der Wohnung. Mein Auto stand schon draußen und deshalb rief ich gleich bei der Nachbarin an, die dem Kater zwei Mal täglich das Essen brachte, und wir vereinbarten einen Termin in einer Stunde. Als ich in die kalte Wohnung kam, war der Kater unter dem Küchentisch und schaute mit angstvollen Augen zu uns. Mir kam eine ganz schreckliche Schwingung entgegen. Die Nachbarin erklärte mir, dass sie den Kater nicht nehmen kann, denn er würde sich nicht anfassen lassen und auch sonst sei er sehr schwierig. Als Tierrechtlerin war für mich sofort klar, dass ich den Kater mitnehmen würde.
Er war tiefschwarz, ca. 8 Jahre alt, lebte in einer kleinen Wohnung und war noch nie aus der Wohnung heraus gekommen. Balkon und Fenster waren nicht gesichert. Nicht einmal das! Die letzte Fleischdose lag vergammelt in der Spüle.
Da die Besitzerin am Tag vor meinem Kommen an Krebs verstorben war, konnte ich alle Utensilien mitnehmen, die ich brauchte.
Antonio – das war sein Name – mit samt seinen Habseligkeiten, packte ich in mein Auto, nachdem wir ihn mit viel Mühe in seine Reisebox verfrachtet hatten.
Wir verließen die Wohnung und ich konnte nicht verhindern, dass mir die Tränen über die Wangen liefen, denn er tat mir in der Seele leid.
Er wartete auf sein „Fraule“ und ich nahm ihn auch noch aus seiner gewohnten Umgebung raus, was für Katzen sehr schlimm ist. Was für ein Herzeleid er hatte, konnte ich mir gut vorstellen. Außerdem glaubte er, dass sie wiederkommt und er ist dann nicht da. Ich war also seine Feindin!
Auf der Fahrt von Nördlingen zu mir nach Iggenhausen kamen aus der Box Töne von hinten, dass ich mich fragte, was für ein Raubtier ich da mitgenommen hatte. Es war ein Gemisch aus Knurren (ich wusste nicht, dass Katzen auch Knurren können) Fauchen, Wut, Trauer und Drohen.
Bei mir angekommen, habe ich die Box geöffnet, aber er kam natürlich nicht raus. Ich ließ ihn einfach in Ruhe. Außer zum Tierarzt war er ja noch nie raus gekommen. Mit dem Tierarzt hatte er denkbar schlechte Erfahrungen gemacht, denn als ganz junge Kätzchen hatten er und seine Schwester eine Blasenentzündung, an der seine Schwester starb. Ihm wurde ein Katheter eingeführt! Laut Nachbarin.
Am nächsten Morgen hatte er sich in einer Ecke verschanzt. Ich wollte ihm mit einer Spritze etwas Wasser in den Mund sprühen. Ein wütendes Fauchen und seine Krallen flogen in meine Richtung. Auch gut, dachte ich, gab einige „Notfalltropfen“ der „Bachblüten“ mit in die Spritze und immer wenn meine Hand in seine Nähe kam, fauchte er mich an. So konnte ich ihm wunderbar die Tropfen auf seine Zunge spritzen.
Am zweiten Morgen war er weg. Nach zwei Stunden Suche fand ich ihn hinter meinem Schreibtisch im Büro. Das war ab sofort sein Versteck, denn in der dunklen Ecke konnte man den schwarzen Kater fast nicht sehen. Ich brauchte die Taschenlampe. Meinen Teppich fand er als Kratzbaum super. Um ihn vor seiner völligen Zerstörung zu retten, erlaubte ich mir, ihn zusammen zu rollen. Wütend fauchte und knurrte er mich an. In der folgenden Nacht urinierte er dann auf meine Couch, um mir seinen Unmut zu zeigen. (Von der Nachbarin erfuhr ich, dass er das bei seiner Besitzerin aus Rache auch getan hatte). Immer wenn ich nach ihm schaute, riss er sein Raubtiermaul auf und fauchte mich an. Auf die Couch pinkelte er jede Nacht.
Da ich vegan lebe, und eine Bekannte von mir ihre drei Katzen vegan ernährt, borgte ich mir von ihr Futter, um auszuprobieren, ob er das vegane Futter annimmt. Ich stellte ihm zwei Schüsselchen hin – eines mit dem von ihm mit gebrachten Dosenfleisch und eines mit dem veganen Futter. Innerhalb einer Woche leerte er nur noch das Schüsselchen mit dem veganen Futter. Das ist bis heute so geblieben. Er mag es so gerne, dass ich aufpassen muss, dass er mir nicht zu dick wird. Das Futter heißt Ami Cat und bezogen habe ich es über die Firma „Lebe gesund“ Alles vegetarisch. Dafür, dass er sich freiwillig (wovon er keine Ahnung hatte) vegan ernährte, durfte er auch die Couch ruinieren.
Am 6. April 2015 schrieb ich in mein Tagebuch. „Für meinen Kater brauche ich sehr viel Geduld“. Eine Tierpsychologin gab mir den Rat, den Kater in ein Zimmer zu sperren und nur zum Füttern zu ihm rein zu gehen. Das ging voll daneben. Er ließ sich von mir ja nicht anfassen. Wie sollte ich ihn denn in dieses Zimmer bringen. Da ich vorher einiges umbauen musste, hatte der Kater schon längst bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Er rannte überall hin (und ich lockend hinter ihm her), nur nicht in dieses Zimmer. Plötzlich war er verschwunden. Ich hatte keine Ahnung, dass bei den ganzen Ableitungen meiner Heizung irgendwo eine kleine Bucht war. Da musste er drin sein. Ich lockte, schrie, drohte, denn ich war mit meinen Nerven am Ende. Ich stellte mir schon vor, wie man die Wand aufschlagen muss, um den Kater zu befreien. Glücklicherweise kam mir die glorreiche Idee, den Staubsauger zu benutzen, denn gegen d e n Lärm war er allergisch. Gesagt - getan. Als ich mit dem Rohr in die vermutete Ecke saugte, kam er wie eine Furie raus geschossen. Es gibt bestimmt nur wenige Augenblicke in meinem Leben, bei denen ich dieses Glücksgefühl hatte. Eine Zentnerlast war von mir genommen.
Er war nun fünfeinhalb Wochen bei mir und es hatte sich nichts geändert. Er fauchte mich an, wie am ersten Tag. Es lag also an mir. Ich hatte meine Boxer ausgebildet, viele Bücher - auch über die Psyche von Katzen – gelesen. Es war für mich ganz klar, dass er endlich die Welt kennen lernen musste.
Wozu hatte ich einen so großen Garten. Nun überlegte ich, wie ich ihm seine (begrenzte) Freiheit geben konnte. Zuerst durfte er in die Scheune. Ganz alleine! Er blieb zwei Stunden drin, dann kam er – ganz stolz - mit steil aufgestelltem Schwanz bis zu den Ohren, an denen die Spinnweben herunter hingen, ins Haus. Die Türe hatte ich, bis auf einen Spalt, zum Haus geöffnet. Dann ließ ich eines der Fenster ohne Mückengitter offen stehen. Prompt setzte er sich ins Fenster und sah mich herausfordernd an. Er glaubte, dass nun ein Donnerwetter folgen würde. Als ich ihn lobte und aufmunternde, raus zu gehen, brach eine Welt für ihn zusammen. Sein Blick sagte ganz klar, dass ich nun doch ausrasten müsste und ihn doch nicht auch noch loben durfte. Er war fassungslos. Nach und nach lockte ich ihn raus. Es ging immer einen Schritt vor – zwei Schritte zurück.
Am nächsten Tag kam er mit seinem Köpfchen zu mir her. Endlich war das Eis gebrochen!! Und das blieb auch so. Wir waren beide glücklich. Nun zeigte ich ihm den Garten mit Parkplatz vor dem Haus. Ganz vorsichtig setzte er ein Pfötchen auf den Boden. Er rannte sofort wieder ins Haus. Dann kam die Terrasse dran. Ich lockte ihn und irgendwann traute er sich. Allerdings ging er nicht über die Treppe, sondern über das Dach. Mutig wollte er nach oben springen, aber er rutschte auf den Dachplatten und „Platsch“ lag er auf der Terrasse. Meistens saß er anfangs in der Türe und schaute nur raus. Dann kam der große Garten dran. Er ist zwar eingezäunt, aber ich wusste nicht, wie er reagieren würde. Auf meinem Arm haben wir den Garten erkundet. Er zitterte am ganzen Leib. Ich wollte aber, dass er alleine läuft. Also habe ich ein Geschirr mit Laufleine gekauft. Er ließ sich das Geschirr anlegen. Ich machte es schön weit, damit er sich nicht eingeengt fühlte. Halb zog ich ihn, halb lief er von alleine. Bei den Mülleimern angekommen knallte ich gegen einen Eimer. Er ist sehr schreckhaft bei Lärm. Mit einem Satz war er aus dem Geschirr und weg. Nun gibt es bei einem etwa 200 Jahre alten ehemaligen Bauernhof viele tolle Verstecke. Nach langem Suchen und mit viel Herzklopfen fand ich ihn dann im überdachten Holzschuppen. Eine Leine war also der falsche Weg. Wir gingen zusammen in den Garten und übten das Kommen auf mein ganz liebevolles Locken. Siehe da – es klappte ganz gut. Er war überglücklich und ich auch.
Am Sonntag läuft im Fernsehen auf WDR die Sendung „Tiere suchen ein Zuhause“, die ich mir immer ansehe. Bei einer Sendung waren bellende Hunde dabei. Er kam angeschossen und schaute sich die Hunde an. Zuerst saß er vor dem Fernsehen, dann bevorzugte er den neben dem Fernsehen stehenden Sessel. Er hing mit seinen Vorderpfoten so ganz lässig über dem Sessel und schaute sich die ganze Sendung an. Tiere schaut er sich sehr oft an.
Vor kurzem wurde ein schwarzer Kater vorgestellt. Er schaute den Kater an, ging zum Spiegel und schaute sich an. Er verglich sich mit dem Kater. Neben meiner Couch steht eine Konsole mit einem integrierten Spiegel. Darin kann er sich gut sehen. Er stellte absolut Vergleiche an.
Die Tiere werden von uns sehr oft unterschätzt und auch falsch eingeschätzt. Es ist schön, zuzusehen, wie Antonio die Dinge ganz bewusst wiederholt, um so zu lernen. Manchmal stockt mir zwar der Atem, aber so weit es möglich ist und er nicht in Gefahr kommt, lasse ich ihn gewähren.
Als er vor einigen Tagen bis ans Ende des Daches ging und dann auch noch nach oben weiter lief, fing ich an zu zittern, denn wenn er herunterfällt, kann er tot oder schwer verletzt sein. Also rief ich ihn so liebevoll wie irgend möglich. Er kam!!! Schelte gab es aber von meiner Seite schon. Er ist bis jetzt nicht mehr raufgeklettert. Er hat sehr gut verstanden, was ich ihm gesagt habe.
Ich lerne immer mehr, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Er ist eben doch schon etwa acht Jahre alt.
Wir stehen morgens ungefähr um sechs Uhr auf (mein Schlafzimmer und vor allem mein Bett ist für ihn tabu und das akzeptiert er auch) und er will sofort in den Garten – was er darf. Er dreht seine Runde und wenn er rein kommt, will er essen und trinken. Dann aber geht er sofort wieder raus. Er kommt jedoch immer wieder und schaut nach mir. Die meiste Zeit verbringt er im Garten.
Er liegt auch gerne im offenen Fenster und schaut den Autos zu. Das war in seinem vorigen Leben die einzige Abwechslung, die er hatte.
Er ist Fremden gegenüber sehr ängstlich und versteckt sich sofort, wenn er nur eine fremde Stimme hört.
Vor einigen Tagen war eine fremde Katze auf unserem Grundstück. Antonio ist wie eine Rakete auf die Katze zugerast, die sofort das Weite suchte. Ich war stolz auf ihn.
In der Zwischenzeit hat er volles Vertrauen zu mir und wir sind beide sehr glücklich darüber, dass er bei mir gelandet ist und ich hoffe, wir dürfen noch viel Zeit miteinander verbringen.
Nun noch meine Ansicht über die Haltung von Katzen: Eine Katze oder Kater in einer kleinen Wohnung ohne gesicherten Balkon zu halten, ist in meinen Augen Tierquälerei.
Er musste dauernd auf dem Schoß seiner Besitzerin liegen. Auch im Bett musste er sie wärmen. Er hat nur einmal versucht, in mein Bett zu kommen. Wenn ihm viel daran gelegen wäre, hätte er bestimmt noch weitere Versuche unternommen.
Mit einem Hund kann man Gassi gehen und sich mit anderen Hundebesitzern verabreden. Eine Katze muss ihr Leben in Gefangenschaft fristen, wenn kein Garten da ist.
Wo bleibt da die Achtung vor dem Tier?

Ingeborg M.

Antonio